Zwischen Küste, Gastfreundschaft und Aufbruch: Eine Exkursion ins Herz Albaniens

Jonas Eiselt, B.A. Politikwissenschaft/Süd-Ost-Europastudien und Co-Autor Moritz-Sylvester Mauderer, B.A. Germanistik/Geschichte, Universität Regensburg

Bild 1: Eine kleine Gasse im Ort Lukova (Moritz Mauderer)

Wie sieht die Zukunft eines Landes aus, das jahrzehntelang isoliert war und nun zum aufstrebenden Geheimtipp für Reisende avanciert? Erleben Sie in diesem Beitrag, wie sich Albanien vom einst isolierten Land zu einem aufstrebenden Reiseziel wandelt. Unsere Exkursion im Sommer 2024 führte uns von der energiegeladenen Hauptstadt Tirana in das abgelegene Dorf Lukova im Süden, wo wir herzliche Gastfreundschaft, inspirierende Lebensgeschichten und die Herausforderungen ländlichen Lebens hautnah erlebten. Im Fokus standen Themen wie Migration, Tourismus und das Erbe der Diktatur. Erfahren Sie, warum viele junge Menschen auswandern, wie die ländliche Bevölkerung dennoch optimistisch in die Zukunft blickt und warum gerade persönliche Begegnungen für ein tiefgreifendes Verständnis dieses faszinierenden Landes unverzichtbar sind.

Si mund të duket e ardhmja e një vendi që, për dekada të tëra, ka qenë i izoluar, por sot po shndërrohet në një destinacion tërheqës për udhëtarët? Në këtë përshkrim do të zbuloni sesi Shqipëria po e kalon rrugën nga një vend dikur i mbyllur, në një pikë turistike me rritje të shpejtë. Ekskursioni ynë gjatë verës së vitit 2024 na dërgoj nga kryeqyteti plot gjallëri, Tirana, në fshatin e largët Lukovë në jug, ku provuam nga afër mikpritjen e jashtëzakonshme, historitë frymëzuese të banorëve dhe sfidat e përditshmërisë rurale. Në qendër të vëmendjes ishin tema si migrimi, turizmi dhe trashëgimia e diktaturës. Zbuloni pse shumë të rinj zgjedhin të largohen nga vendi, si komunitetet rurale ruajnë shpresën për një të ardhme më të mirë dhe pse pikërisht takimet në person ofrojnë çelësin për të kuptuar në thellësi këtë vend magjepsës.

Im Sommer 2024 bot die Universität Regensburg unter der Leitung von Prof. Dr. Ger Duijzings und Dr. Lena Möller — in Zusammenarbeit mit dem House of Anthropology und der Heinrich-Böll-Stiftung in Tirana — eine Exkursion und Sommerschule mit dem Titel „Protected areas, the commons and touristification in southern Albania“ an. Im Juni des vergangenen Jahres machten wir uns daher auf den Weg nach Albanien, um vor Ort zu erforschen, wie sich das Land nach dem Ende der Diktatur in den 1990er-Jahren zu einem aufstrebenden Reiseziel entwickelt hat.

Nach unserer Landung in Tirana tauchten wir unmittelbar in das lebhafte Stadtleben ein. Einige von uns schlenderten über die quirligen Märkte, die vollgepackt waren mit frischem Obst und Gemüse, während andere die Gelegenheit nutzten, sich für das Public Viewing der anstehenden Fußball-Europameisterschaft in Deutschland mit Trikots auszustatten. Auf dem “Parku Europa” im Zentrum Tiranas war ein riesiger Bildschirm aufgebaut, an dem nicht nur die Einwohner, sondern auch wir die EM-Spiele verfolgen konnten. Dabei entstanden schnell Gespräche mit den Menschen vor Ort, und wir merkten, wie sehr sich die albanische Gastfreundschaft von unserer deutschen Mentalität unterschied: Die Offenheit, mit der uns begegnet wurde, ließ uns sofort spüren, willkommen zu sein.

Diese Warmherzigkeit zeigte sich besonders deutlich, als wir Laura, die Besitzerin unseres Hostels, kennenlernten. Sie versorgte uns nicht nur mit ausgezeichnetem Kaffee und ihrer sorgfältig kuratierten Musikauswahl, sondern war stets für anregende Gespräche über Land und Leute zu haben. In den ersten beiden Tagen – einer Phase des Ankommens – hatten wir genügend Zeit, Tirana zu erkunden, durch die Straßen zu schlendern und erste Eindrücke zu sammeln. Dabei zogen uns die bunten Häuserfassaden, die unterschiedlichen Stadtviertel und die überall präsente Aufbruchsstimmung sofort in ihren Bann.

Bild 2: Das Hostel von Laura in Tirana (Moritz Mauderer)

Der eigentliche Beginn der International Summer School in Social and Cultural Anthropology fiel mit einem Treffen in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung in Tirana sowie dem House of Anthropology (The Centre for Research in Social and Cultural Anthropology) zusammen. In den Monaten zuvor hatten die Heinrich-Böll-Stiftung Büro Tirana und das Haus der Anthropologie die Sommerschule gemeinsam organisiert. Am ersten Tag stand neben dem gegenseitigen Kennenlernen unserer multikulturellen Gruppe (inklusiv Studierenden aus dem Kosovo und Albanien) auch eine Einführung in die albanische Geschichte im Mittelpunkt. Viele von uns hatten sich bereits im Vorfeld mit der kommunistischen Ära unter Enver Hoxha und der damit verbundenen Isolation befasst, doch wir wollten vor Ort aus erster Hand erfahren, wie sich Albanien seit dem Ende der Diktatur verändert hat. Die Diskussionen und Vorträge im Büro Tirana der Heinrich-Böll-Stiftung gaben uns wertvolle Einblicke in die Herausforderungen, vor denen das Land steht, sowie in das politische und gesellschaftliche Klima, das Albanien heute prägt. Während einige Städte im Norden bereits über ausgebaute touristische Strukturen verfügen, wollten wir wissen, wie der Wandel im Süden, der noch weit weniger erschlossen ist, von den Menschen erlebt wird.

Unsere Reise führte uns daher in das kleine Dorf Lukova, das mit etwas über 2500 Einwohnern direkt an der Südküste Albaniens liegt. Hier fand das Feldforschungsteil der Sommerschule statt, wo wir herausfinden sollten, inwiefern der wachsende Tourismus Einfluss auf das Leben, die Arbeit und die Lebensgeschichten der Menschen hat. Wir stellten uns die Frage, wie die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner mit den Veränderungen umgehen, welche Hoffnungen sie in die Zukunft setzen und wie sie ihre Erfahrungen mit Migration, Demokratie und dem sozialistischen Erbe des Landes verbinden. Unsere Gruppe teilte sich in unterschiedliche Forschungsteams auf, die sich jeweils mit Themen wie Migration, lokalen Familiengeschichten, Tourismusstrategien oder den geschlechtsspezifischen Aspekten des gesellschaftlichen Wandels befassten.

Bild 3: Ein Blick über das Zentrum von Lukova (Moritz Mauderer)

Schon am ersten Morgen in Lukova machten wir Bekanntschaft mit einer älteren Dame, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein Gästehaus betreibt, während ihr Sohn nach Deutschland ausgewandert ist. Sie berichtete uns, dass viele junge Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner nach Griechenland, Deutschland, Großbritannien oder in die USA und Kanada ziehen, um bessere Lebensbedingungen zu finden. In diesem Zusammenhang wurde uns bewusst, wie tief das Thema Migration im Alltag der Menschen verankert ist und wie eng moderne Tourismusangebote, traditionelle Dorfgemeinschaften und internationale Erfahrungen verwoben sind. Auch eine junge Frau, die mit ihrem Mann Öle und Kräuter in einem kleinen Shop nahe des Strandes anbietet, ließ uns an ihrer Geschichte teilhaben. Nachdem sie gemeinsam nach Lukova gezogen waren, hatten sie alles selbst aufgebaut und fanden in der örtlichen Gemeinschaft sofort Unterstützung. Als wir sie fragten, warum sie gerade dieses abgelegene Dorf für ihre Zukunft ausgewählt hatten, antworteten sie schlicht: „Weil die Leute hier so unglaublich freundlich sind.“ Im Anschluss an unser Gespräch luden sie uns spontan zu einem Essen ein, was für uns eine weitere Bestätigung der allgegenwärtigen Gastfreundschaft in Albanien war.

Bild 4: Eine kleine Straßenszene in Lukova, nahe eines früher in Deutschland lebenden Bäckers (Moritz Mauderer)

Während unserer Gespräche mit den Menschen vor Ort stellten wir fest, dass das Leben in Lukova oft als herausfordernd empfunden wird. Vor allem außerhalb des aufblühenden Tourismus fehlen viele Perspektiven, und staatliche Unterstützung ist in dieser abgelegenen Region nur geringfügig spürbar. Dennoch trafen wir überwiegend auf fröhliche, warmherzige Menschen, deren Offenheit für Fremde stark ausgeprägt war. Gerade weil viele junge Leute auswandern, schienen die Menschen im Dorf noch dankbarer, wenn jemand Interesse an ihrer Heimat und ihren Geschichten zeigt. Dies bildete einen deutlichen Kontrast zu den oft reservierten Begegnungen in Deutschland, die wir aus unserem persönlichen Umfeld gewohnt waren.

Am Ende unserer Zeit in Lukova wurde uns bewusst, wie vielschichtig und komplex der Wandel ist, den Albanien durchläuft. Einst international nahezu abgeschottet, entwickelt sich das Land zu einem attraktiven Ziel für Reisende. Dennoch sind Spuren des sozialistischen Erbes an jeder Ecke sichtbar, und die Abwanderung vieler Familienangehöriger ins Ausland sorgt für gemischte Gefühle zwischen Aufbruch und Verlust. Die Menschen, denen wir begegneten, zeigten uns in aller Deutlichkeit, dass gelebte Herzlichkeit und Gemeinschaftssinn ein starkes Gegengewicht zu fehlender Infrastruktur und wirtschaftlichen Unsicherheiten sein können. Für uns stellte diese Exkursion eine einmalige Gelegenheit dar, ein Land im Wandel zu beobachten und zu sehen, wie viele verschiedene Facetten Tourismus und Globalisierung annehmen können. Zugleich lehrte sie uns, wie wichtig es ist, Geschichten zu hören, die über trockene Theorie und akademische Texte hinausgehen, und den persönlichen Austausch zu suchen, um das wirkliche Leben in den Dörfern und Städten, an den Stränden und in den Bergen Albaniens zu verstehen.

Bild 5: Die Küste vor Lukova (Moritz Mauderer)
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