Übersetzungen
Elina:
Wenn mich jemand fragen würde, was man im Leben unbedingt ausprobieren sollte, würde ich sagen: einmal im Ausland zu leben! Diejenigen, die gerade im Ausland sind oder diese Erfahrung bereits in ihrer Biografie haben, werden mich sehr gut verstehen.
Seit meiner Kindheit habe ich Englisch gelernt und dachte lange, dass es vor allem wichtig ist, ins Ausland zu gehen, um eine Fremdsprache zu üben. Und das stimmt auch. Doch später wurde mir klar, dass etwas anderes noch viel bedeutender ist: die echte Begegnung mit sich selbst und die Erweiterung des eigenen Weltbildes.
Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung verändert, wenn man plötzlich in eine Umgebung eintaucht, in der eine andere Sprache gesprochen wird – wo Menschen eine andere Mentalität, andere Traditionen und sogar einen anderen Humor haben. Man muss sich integrieren und lernen, Neues zu verstehen. Man muss Dinge akzeptieren, die einem früher völlig fremd erschienen. Und irgendwann wird dieses „Fremde“ plötzlich „vertraut“.
Bevor ich nach Deutschland gezogen bin, wusste ich nicht, was es bedeutet, gleichzeitig in drei Sprachen zu leben. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie schön es ist, schnell umzuschalten, spontan zu reagieren und die richtigen Worte aus jeder Sprache hervorzuholen, die im Kopf vorhanden sind. Manchmal entsteht dabei ein richtiges Mischmasch, zum Beispiel in Form von Denglisch, oder in bestimmten Momenten fallen einem sogar Wörter aus der Muttersprache nicht ein.
Aber ich mag dieses Chaos. Ich mag es, dass durch das Leben in drei Sprachen unbewusst faszinierende Wortkombinationen entstehen, die nur man selbst und die engsten Menschen um einen herum verstehen. Zum Beispiel sage ich gerne „spitzig“. Und manchmal fällt es mir schwer, nach dem Buchstaben „z“ in formellen Gesprächen rechtzeitig aufzuhören. In informellen Situationen höre ich aber gar nicht damit auf.
Vor Kurzem war ich in Russland und habe dabei gemerkt, wie sehr ich bestimmte russische Wörter liebe, zum Beispiel „красивый“ (schön), „нравится“ (gefällt mir) oder auch die Aufforderungsformen mit „wir“ wie „посмотрим“ (schauen wir mal), „пойдемте“ (gehen wir) oder „поужинаем?“ (wollen wir zu Abend essen?). Sobald ich diese Worte ausspreche, fühlt es sich an wie Balsam für die Seele.
Wenn man in drei Sprachen lebt, hat man irgendwie drei Leben. Einerseits klingt das echt cool. Andererseits ist es so, dass Menschen, die Elina auf Russisch kennen, Elina auf Deutsch niemals vollständig verstehen werden – und umgekehrt.
Manchmal macht mich das traurig: Meine russischen Freunde verstehen keine Witze über die Deutsche Bahn und Streiks, und warum ich mich jedes Mal freue, wenn ich in Russland sonntags shoppen gehen kann. Und meine Freunde in Deutschland werden niemals ganz mein früheres Leben kennenlernen oder wirklich nachvollziehen können, was ich in Russland erlebt habe.
Zum Glück bleibt diese Traurigkeit nicht lange. Ich mag es, mehrere Leben gleichzeitig zu leben und mich auf unterschiedliche Weise zu zeigen. Ich liebe diesen internationalen Flair, den ich sowohl in Deutschland als auch in Russland spüre. Ich liebe es, Fremdsprachen zu sprechen – und diese Fähigkeit ist so sehr ein Teil von mir geworden, dass ich mir Elina, die nur Russisch spricht, gar nicht mehr vorstellen kann.
Und ich liebe es, dass ich trotz der dominierenden deutschen Sprache im Alltag immer zu meiner Muttersprache zurückkehren kann, um in mich selbst einzutauchen. Wenn ich auf Russisch denke oder russische Musik höre, während ich durch die Straßen Deutschlands spaziere, spüre ich eine tiefe Verbindung zu mir selbst – als würde mich in diesem Moment niemand auf der Welt so gut verstehen wie ich mich selbst. Außerdem erinnere ich mich immer an die Elina aus Russland, die schon so viel erreicht hat und weiterhin alles für ihre bestmögliche Zukunft tut.
Die Botschaft ist also ganz einfach: Lernt Sprachen und lebt euer bestes Leben – oder sogar eure besten Leben.
Antonia:
Am 21. Februar feiert die Welt den Internationalen Tag der Muttersprache. Doch was bedeutet das? Für viele scheint die Definition der Muttersprache eine einfache Übung zu sein: Es ist die Sprache der Kindheit, diejenige, in der man sich entwickelt und die einen im Alltag begleitet. Die alltägliche Mehrsprachigkeit und die globalisierte Welt, in der wir leben, widersprechen jedoch diesem vereinfachten Ideal. Manche Menschen sind bilingual aufgewachsen, andere verwenden ihre Muttersprache nur in einem eingeschränkten Kontext, im familiären Raum, und entwickeln sich in einem völlig anderen sprachlichen Universum.
Unabhängig von diesen Nuancen ist der gesamte Globus durch die Lingua franca des Internets und des postdigitalen Zeitalters verbunden: Englisch. Nichts ist statisch, sondern befindet sich in einer ständigen Entwicklung. Die Kenntnis nur einer einzigen Sprache ist nicht mehr ausreichend oder empfehlenswert. Der Trend, wenn ich ein Neologismus verwenden darf, besteht darin, einen möglichst breiten Horizont sprachlichen Wissens aufzubauen. Ist es dann möglich, dass wir unsere Identität verlieren, die um unsere Muttersprache herum aufgebaut ist? Wie sind die beiden Elemente, Identität und Sprache, miteinander verbunden?
Solche Fragen und komplexen Probleme beschäftigen mich schon seit einiger Zeit, vielleicht sogar seit meiner Geburt. Das Universum meiner Kindheit wurde von zwei Sprachen geprägt: Ungarisch und Rumänisch. Für mich gab es lange Zeit keinen Unterschied zwischen den beiden. Es war einfach die Art und Weise, wie ich mich ausdrückte. Allmählich bekam alles verschiedene Konnotationen, die ich meistens ignoriert habe. Ja, ich spreche beide Sprachen, aber dieser Aspekt hat meine ethnische oder nationale Identität nicht beeinflusst.
Andererseits haben meine Interaktionen in Deutschland mit anderen „internationalen“ Menschen meine Reflexionen weiter nuanciert. Für viele ist die Tatsache, dass ich bilingual aufgewachsen bin – was in Deutschland ziemlich häufig ist – nichts Ungewöhnliches. Faszinierender ist der Grund hinter dem Bilingualismus, und die häufigsten Fragen beziehen sich auf meine Familie und meine Identität. Die Muttersprache, oder genauer gesagt der Bilingualismus, ist nur ein Tor zu einem anderen Universum, dem der Identität. In welcher Sprache denke ich, wie spreche ich mit meinen Eltern, zu welcher Gruppe fühle ich mich stärker zugehörig? All das sind nur eine Reihe von Fragen, auf die ich keine endgültige Antwort habe.
Oft ist es auch sehr schwierig, eine Sprache, eine Kultur und eine Identität zugunsten oder zulasten einer anderen auszubalancieren.
Ein weiterer Aspekt, der mich seit meinem Aufenthalt in Deutschland fasziniert, ist die sprachliche Komplexität eines Staates. Dort, wo ich aufgewachsen bin, war es eine „allgemein bekannte Wahrheit“, wenn ich Jane Austen zitieren darf, und irgendwie habe ich nicht erwartet, hier auf solche Parallelen zu stoßen. Die in Deutschland gesprochenen Sprachen sind nicht nur Kommunikationsinstrumente. Auf den Straßen der Stadt verflicht sich das Hochdeutsch ständig mit verschiedenen lokalen Dialekten, mit dem immer häufiger werdenden Englisch (Denglisch), aber vor allem mit den Sprachen der Migrantengemeinschaften. Umso stolzer bin ich, Teil eines Projekts zu sein, das Interkulturalität und Mehrsprachigkeit wertschätzt und in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht zeigen gerade solche hybriden Räume wie seeFField, dass sprachliche Vielfalt eine Realität ist, die es zu feiern gilt.
Iman:
Sprachen haben für mich immer einen besonderen Platz gehabt. Vielleicht auch, weil ich aus einer Stadt komme, in der im Alltag 3 bis 4 Sprachen gesprochen werden und Mehrsprachigkeit immer meine Realität war. Ein türkisches Sprichwort sagt: „Bir lisan, bir insan. İki lisan, iki insan.“ Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Am Ende des Tages haben wir nur einen physischen Körper, aber was uns unterschiedlich macht, ist die Veränderung der Stimme, wenn wir eine andere Sprache sprechen, die Veränderung des Humors, der Blickwinkel auf das Leben, die Gespräche, die wir führen, das Selbstvertrauen oder das Zögern, das Teil-Sein einer Kultur oder ein Fremder in ihr zu sein. Sprache ist Patriotismus, ist Stolz, manchmal auch unsere Scham, sie ist ein Kommunikationsmittel – nicht nur mit Mitmenschen. Mit allem, was uns umgibt; die emotionale Sprache, die Sprache, die wir benutzen, wenn wir allein sind, die Sprache, mit der wir Tiere lieben oder sie vertreiben, die Sprache, mit der wir mit der Welt um uns herum sprechen. Die Sprache, mit der Kriege beginnen oder Frieden entsteht; die Sprache der Menschen ist diejenige, die wir am besten verstehen oder zumindest als voreingestelltes Mittel unseres Überlebens haben.
Die Sprache verbindet uns mit unserer Nation; wir hören jemanden auf der Straße unsere Sprache sprechen und sind automatisch Teil ihres Gesprächs. Besonders dann, wenn wir uns im Ausland befinden, außerhalb des Landes, außerhalb der Stadt, außerhalb unseres Zuhauses. Um Teil eines Staates, eines Landes, einer Stadt oder sogar eines Hauses zu sein, müssen wir die Sprache dieses Ortes sprechen. Um deutscher Staatsbürger zu sein, braucht man Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1, einen bestandenen Einbürgerungstest und weitere Details, aber die Sprache ist immer wesentlich. Integration in einem Land wird mit dem sprachlichen Maßstab gemessen – wie bereit kannst du sein, Teil einer Gesellschaft zu sein, wenn du das wichtigste Kriterium, verstanden zu werden, nicht erfüllst? Sprache ist Selbstschutz, Empowerment und eine „kalte Waffe“, die dich sehr oft aus Schwierigkeiten herausbringt oder in Schwierigkeiten hineinführt.
Es ist etwas so Grundlegendes, aber zugleich unterschätzt, weil Muttersprachler ihre Sprache automatisch von Geburt an lernen. Wie oft habe ich darüber nachgedacht: Wenn ich nicht im Kosovo geboren wäre, welche Sprache würde ich sprechen? Das kann ich nicht wissen, aber was ich weiß, ist, dass Sprache ein Argument ist, ein Argument, das Staaten trennt oder vereint, große Gesellschaften trennt oder verbindet. Staaten, die im Grunde dieselbe Sprache sprechen, argumentieren, dass ihre Sprache anders und besonders ist als die andere.
Sprache ist Politik; Staaten, die dieselbe Sprache sprechen, werden über Jahre hinweg getrennt, sodass ihre Identität verloren geht; Unterschiede zwischen Varietäten einer Sprache werden zu Identitätstrennlinien, Stereotype dominieren, und Vereinigung wird schwieriger denn je.
Sprache ist alles, was wir tun können.