Drei Forscher, drei Perspektiven: Was uns Pawlow, Wygotski und Csíkszentmihályi über Lehren und Lernen verraten

von Linda Puppe, Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsdidaktik (Universität Regensburg)

Wer sich mit Lehren und Lernen beschäftigt, kommt an drei Forscher aus Osteuropa und Südosteuropa nicht vorbei: Iwan Pawlow, Lew Wygotski und Mihály Csíkszentmihályi. Dieser Beitrag stellt ihre Ansätze vor und skizziert, was sie für die Lehre bedeuten. Pawlow zeigte mit der klassischen Konditionierung, wie Reize Reaktionen auslösen. Er liefert Erklärungen, warum Fächer oder Lernorte angstbesetzt sein können. Wygotski versteht Lernen als Prozess, der aus sozialer Interaktion hervorgeht und über Sprache und Zeichen vermittelt wird. Hilfestellungen durch Lehrende und Tutorien knüpfen genau an diesem Konzept an. Csíkszentmihályi beschrieb mit dem Flow-Erleben, wie sich gelingendes Lernen anfühlt. Es entsteht, wenn Anforderung und Fähigkeit zusammenpassen. Drei Perspektiven, die sich ergänzen und zeigen, wie viel Gestaltungsmöglichkeiten Lehrende haben.

Kush merret me mësimdhënien dhe me mësimin, duhet të merret edhe me veprën e tre shkencëtarë nga Evropa Lindore dhe Juglindore: Ivan Pavlov, Lev Vygotsky dhe Mihály Csíkszentmihályi. Ky artikull prezanton konceptet e tyre dhe përshkruan se çfarë rëndësie kanë ato për mësimdhënien.
Pavlovi, përmes kushtëzimit klasik, tregoi se si stimujt mund të shkaktojnë reagime. Kjo ndihmon për të shpjeguar pse lëndë të caktuara ose ambiente të caktuara të të nxënit mund të lidhen me frikën ose ankthin.
Vygotsky e sheh mësimin si një proces që zhvillohet përmes marrëdhënieve edhe komunikimit me të tjerët dhe që ndikohet nga gjuha dhe shenjat. Ndihma nga mësuesit dhe tutorët lidhet drejtpërdrejt me këtë koncept.
Csíkszentmihályi, përmes konceptit të ``Flow``, përshkroi se si funkcionon një proces i suksesshëm i mësimit. Flow shfaqet kur kërkesat e detyrës dhe aftësitë e personit janë në ekuilibër.

Wer sich intensiver mit Lehren und Lernen beschäftigt, begibt sich auf eine lange Reise durch die Forschungsgeschichte. Diese führt nicht nur nach Westeuropa oder in die USA, sondern auch in die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion, nach Russland und nach Südosteuropa. Einige der einflussreichsten Theorien über Lernen, Motivation und menschliches Verhalten haben dort ihre Wurzeln. Dieser Beitrag stellt drei Forscher und ihre Ideen vor.

Pawlow: Lernen durch klassische Konditionierung

Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936) kam in Rjasan zur Welt und forschte später am Institut für Experimentelle Medizin in Sankt Petersburg. Er untersuchte ursprünglich die Verdauung und erhielt dafür 1904 den Nobelpreis für Medizin. Pawlow wurde im Zarenreich berühmt, stand den Bolschewiki nach 1917 offen kritisch gegenüber und konnte dennoch weiterarbeiten. Ein von Lenin unterzeichnetes Dekret sicherte 1921 die Bedingungen für seine weitere Forschung. Berühmt machte ihn ein Nebenergebnis seiner Forschung: die klassische Konditionierung.

Seine Versuchshunde speichelten, sobald sie Futter bekamen. Der unkonditionierte Reiz des Futters löste diese unkonditionierte Reaktion aus. Dann beobachtete Pawlow etwas Auffälliges: Die Hunde speichelten bereits, bevor sie das Futter erhielten. Sie reagierten auf die Schritte des Pflegers, die es brachten (Rinck & Becker, 2020). Weil diese Schritte dem Futter regelmäßig vorausgingen, reichte bald schon das Geräusch allein aus, um Speichelfluss auszulösen. Aus einem zunächst neutralen Reiz war ein konditionierter Reiz geworden, aus dem Speicheln eine konditionierte Reaktion. Diesen Mechanismus nennt die Lernpsychologie klassische Konditionierung. Das Konzept war ein wichtiger Bestandteil des von John B. Watson begründeten Behaviorismus, der sichtbares Verhalten und messbare Reaktionen untersucht (Bodenmann et al., 2023).

Schematische Darstellung der klassischen Konditionierung. Bearbeitung der Abbildung „Pavlov's dog.svg`` von Vincent Danet (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pavlov%27s_dog.svg) lizenziert unter CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en) Änderungen: Bildaufbau übernommen, Darstellung, Beschriftung und Farbgebung überarbeitet, Bearbeitung durch Linda Puppe. Diese Bearbeitung steht ebenfalls unter CC BY-SA 3.0.

Für die Lehre lassen sich daraus einige Aspekte ableiten. Wer sich in Schule, Ausbildung oder Studium blamiert oder dort Angst empfindet, verknüpft diese Erfahrung oft mit dem Ort oder dem Fach. Später löst schon das Wort „Mathematik“ Abwehr oder Angst aus. Dozierende sollten daher bewusst eine positive Lernumgebung gestalten:

  • ruhiger Rahmen
  • verlässlicher Ablauf
  • wiederkehrende Rituale
  • konstruktiver Umgang mit Fehlern

Das Modell erklärt allerdings nur, wie Reize Reaktionen auslösen. Es zeigt nicht, wie jemand einen Begriff versteht oder im Gespräch eine neue Erkenntnis gewinnt. Denkprozesse und soziale Beziehungen bleiben unberücksichtigt. Genau dort setzt die nächste Position an.

Wygotski: Lernen mit Unterstützung anderer

Lew Semjonowitsch Wygotski (1896–1934) wurde in Orscha geboren und arbeitete später in Moskau. Obwohl er bereits mit 37 Jahren an Tuberkulose starb und seine Forschungsarbeiten nicht vollenden konnte, gilt Lew Wygotski als einer der bedeutendsten Psychologen der Sowjetunion. Nach seinem Tod wurden seine Schriften im Zuge des sowjetischen Pädologie-Verbots von 1936 aus dem Umlauf genommen. Erst in den 1950er- und 1960er-Jahren wurden sie in der Sowjetunion wieder zugänglich. International wurden sie vor allem über die späteren englischen Übersetzungen bekannt.

Wygotski setzt beim Lernen anders an als reiz-reaktionsbasierte Ansätze: Er versteht Lernen als Prozess, der aus sozialer Interaktion hervorgeht und über Sprache und Zeichen vermittelt wird. Was Kinder zunächst gemeinsam mit anderen tun, wird allmählich verinnerlicht und selbstständig verfügbar. Aus dieser Beobachtung entwickelte Wygotski das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung. Sie bezeichnet die Spanne zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau, das sich am selbstständigen Lösen von Aufgaben zeigt, und dem Niveau der potenziellen Entwicklung, das unter Anleitung Erwachsener oder in Zusammenarbeit mit kompetenteren Peers erreichbar ist. Die Zone gibt damit Hinweise auf das Lernpotenzial in einem konkreten Bereich (Rapp, 2021). Ausführlich entwickelt Wygotski diese Überlegungen in Mind in Society: The Development of Higher Psychological Processes.

Aus der Zone der nächsten Entwicklung ergeben sich mehrere Ansätze für die Lehre:

  • Aufgabenniveau abstimmen: Aufgaben wählen, die die Lernenden nur mit Unterstützung lösen können
  • Scaffolding einsetzen: Das von Wood et al. (1976) geprägte Konzept wird heute eng mit der Zone der nächsten Entwicklung verbunden. Lehrende geben zu Beginn starke Impulse, Strukturhilfen und Musterlösungen. Diese Hilfen werden schrittweise reduziert, sobald sie nicht mehr benötigt werden
  • Tutorien anbieten: Erfahrene Lernende unterstützen andere bei Übungen, beantworten Fragen und helfen dabei, den Lernstoff zu vertiefen

Schon dieser kleine Ausschnitt zeigt, welchen hohen Stellenwert Wygotskis Arbeit für die Lehre hat. Offen bleibt jedoch die Innenperspektive: Wie fühlt sich Lernen an, wenn es gelingt?

Csíkszentmihályi: Flow als Zustand gelingenden Lernens

Mihály Csíkszentmihályi (1934–2021) wurde im heutigen Rijeka geboren, wuchs in einer ungarischen Diplomatenfamilie auf, erlebte den zweiten Weltkrieg als Kind und emigrierte später in die USA. Er beschäftigte sich nicht primär damit, wie Menschen lernen, sondern wann sie in einer Tätigkeit vollständig aufgehen. Er und sein Team untersuchten Tausende Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie dem Klettern, der Chirurgie, dem Schachspielen oder der Fabrikarbeit. Aus deren Schilderungen entwickelte er das Konzept des Flow-Erlebens. Die Theorie hat die Motivationspsychologie nachhaltig geprägt und erreichte auch ein breites Publikum außerhalb der Wissenschaft.

Person beim Klettern an einer Felswand. Foto: majatravels (Pixabay)

Das Flow-Erleben bezeichnet das gänzliche Aufgehen in der aktuellen Handlung oder Tätigkeit, wobei die Person diese weiterhin selbst steuert. Handlung und Bewusstsein verschmelzen, es kommt zum Verlust der Selbstaufmerksamkeit. Die Konzentration ist hoch und kommt von selbst, sie muss nicht willentlich kontrolliert werden. Die Tätigkeit wird als selbstbelohnend erlebt, während das Zeitgefühl in den Hintergrund tritt.

Flow entsteht nicht beliebig, sondern unter bestimmten Bedingungen:

  • die Anforderung passt zu den Fähigkeiten
  • das Ziel ist klar definiert
  • die Rückmeldung kommt unmittelbar
  • die Aufmerksamkeit ist vollständig auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet

(Csíkszentmihályi, 1995; Ufer, 2020)

Flow lässt sich in der Lehre nicht direkt erzeugen, aber die Bedingungen dafür können geschaffen werden. Lehrende machen Ziele und Bewertungskriterien transparent, differenzieren das Aufgabenniveau, bauen Möglichkeiten zur Selbstkontrolle ein und geben zeitnah Rückmeldung. Wenn Lernende unmittelbar erkennen können, ob ihr Vorgehen funktioniert, können sie bei Bedarf ihre Lernstrategie anpassen. Feedback ist deshalb ein wichtiger Bestandteil einer Flow-förderlichen Lernumgebung. Außerdem brauchen Lernende Zeitfenster, in denen konzentriertes Arbeiten möglich ist. Wahlmöglichkeiten bei Themen oder Darstellungsformen sind ebenfalls hilfreich, weil Flow selten unter reiner Fremdsteuerung entsteht.

Realistisch betrachtet ist festzuhalten: Eine Lehrveranstaltung ist kein Klettersteig, und das Flow-Erleben lässt sich nicht verordnen. Aber die Bedingungen, unter denen es möglich ist, sind gestaltbar.

Fazit

Pawlow, Wygotski und Csíkszentmihályi beleuchten das Lernen von drei Seiten: Lernen als Reiz-Reaktionsmechanismus, Lernen durch die Unterstützung anderer und die Passung zwischen Herausforderung und Fähigkeit. Ihre Theorien entstanden in verschiedenen Zeiten und Kontexten, doch alle drei liefern bis heute wichtige Ansätze für die Lehre.

Literaturverzeichnis

Bodenmann, G., Perrez, M., & Schär, M. (2023). Klassische Lerntheorien (4. Aufl.). Hogrefe. https://doi.org/10.1024/86184-000

Csíkszentmihályi, M. (1995). Flow: Das Geheimnis des Glücks (4. Aufl.). Klett-Cotta.

Rapp, A. (2021, 29. März). Zone der nächsten Entwicklung. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Hogrefe. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/zone-der-naechsten-entwicklung

Rinck, M., & Becker, E. S. (2020). Lernpsychologische Grundlagen. In J. Hoyer, & S. Knappe (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (3. Aufl., S. 114–135). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61814-1_4

Ufer, M. (2020). Motivationspsychologische Grundlagen des Flow-Erlebens. Merkmale, Entstehung, Auswirkung von Flow im Sport, Beruf und Alltag. Springer.

Wood, D., Bruner, J. S., & Ross, G. (1976). The role of tutoring in problem solving. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17(2), 89–100. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.1976.tb00381.x