Für die Lehre lassen sich daraus einige Aspekte ableiten. Wer sich in Schule, Ausbildung oder Studium blamiert oder dort Angst empfindet, verknüpft diese Erfahrung oft mit dem Ort oder dem Fach. Später löst schon das Wort „Mathematik“ Abwehr oder Angst aus. Dozierende sollten daher bewusst eine positive Lernumgebung gestalten:
- ruhiger Rahmen
- verlässlicher Ablauf
- wiederkehrende Rituale
- konstruktiver Umgang mit Fehlern
Das Modell erklärt allerdings nur, wie Reize Reaktionen auslösen. Es zeigt nicht, wie jemand einen Begriff versteht oder im Gespräch eine neue Erkenntnis gewinnt. Denkprozesse und soziale Beziehungen bleiben unberücksichtigt. Genau dort setzt die nächste Position an.
Wygotski: Lernen mit Unterstützung anderer
Lew Semjonowitsch Wygotski (1896–1934) wurde in Orscha geboren und arbeitete später in Moskau. Obwohl er bereits mit 37 Jahren an Tuberkulose starb und seine Forschungsarbeiten nicht vollenden konnte, gilt Lew Wygotski als einer der bedeutendsten Psychologen der Sowjetunion. Nach seinem Tod wurden seine Schriften im Zuge des sowjetischen Pädologie-Verbots von 1936 aus dem Umlauf genommen. Erst in den 1950er- und 1960er-Jahren wurden sie in der Sowjetunion wieder zugänglich. International wurden sie vor allem über die späteren englischen Übersetzungen bekannt.
Wygotski setzt beim Lernen anders an als reiz-reaktionsbasierte Ansätze: Er versteht Lernen als Prozess, der aus sozialer Interaktion hervorgeht und über Sprache und Zeichen vermittelt wird. Was Kinder zunächst gemeinsam mit anderen tun, wird allmählich verinnerlicht und selbstständig verfügbar. Aus dieser Beobachtung entwickelte Wygotski das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung. Sie bezeichnet die Spanne zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau, das sich am selbstständigen Lösen von Aufgaben zeigt, und dem Niveau der potenziellen Entwicklung, das unter Anleitung Erwachsener oder in Zusammenarbeit mit kompetenteren Peers erreichbar ist. Die Zone gibt damit Hinweise auf das Lernpotenzial in einem konkreten Bereich (Rapp, 2021). Ausführlich entwickelt Wygotski diese Überlegungen in Mind in Society: The Development of Higher Psychological Processes.
Aus der Zone der nächsten Entwicklung ergeben sich mehrere Ansätze für die Lehre:
- Aufgabenniveau abstimmen: Aufgaben wählen, die die Lernenden nur mit Unterstützung lösen können
- Scaffolding einsetzen: Das von Wood et al. (1976) geprägte Konzept wird heute eng mit der Zone der nächsten Entwicklung verbunden. Lehrende geben zu Beginn starke Impulse, Strukturhilfen und Musterlösungen. Diese Hilfen werden schrittweise reduziert, sobald sie nicht mehr benötigt werden
- Tutorien anbieten: Erfahrene Lernende unterstützen andere bei Übungen, beantworten Fragen und helfen dabei, den Lernstoff zu vertiefen
Schon dieser kleine Ausschnitt zeigt, welchen hohen Stellenwert Wygotskis Arbeit für die Lehre hat. Offen bleibt jedoch die Innenperspektive: Wie fühlt sich Lernen an, wenn es gelingt?
Csíkszentmihályi: Flow als Zustand gelingenden Lernens
Mihály Csíkszentmihályi (1934–2021) wurde im heutigen Rijeka geboren, wuchs in einer ungarischen Diplomatenfamilie auf, erlebte den zweiten Weltkrieg als Kind und emigrierte später in die USA. Er beschäftigte sich nicht primär damit, wie Menschen lernen, sondern wann sie in einer Tätigkeit vollständig aufgehen. Er und sein Team untersuchten Tausende Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie dem Klettern, der Chirurgie, dem Schachspielen oder der Fabrikarbeit. Aus deren Schilderungen entwickelte er das Konzept des Flow-Erlebens. Die Theorie hat die Motivationspsychologie nachhaltig geprägt und erreichte auch ein breites Publikum außerhalb der Wissenschaft.